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Afrodeutsch

Der Begriff „afrodeutsch“ wurde gemeinsam mit der karibisch-afrikanisch-amerikanischen Aktivistin Audre Lorde (1934-1992) im Kreis Schwarzer deutscher Aktivistinnen 1984 entwickelt.

Er entstand in Anlehnung an „afroamerikanisch“ und zielte darauf, die afrikanische Herkunft/ das afrikanische Erbe (African descent/African heritage), die Sozialisation und die geschichtliche Zugehörigkeit Schwarzer Menschen zur deutschen Gesellschaft zu kennzeichnen. Insofern kann „afrodeutsch“ als eine Adressierung nationalisierender Diskurse gelesen werden, die auf der Konstruktion einer homogenen Weißen deutschen Gesellschaft basieren.

Seit seiner Einführung dient der Begriff dazu, die Normalisierung von Weißsein und seine Gleichsetzung mit Deutschsein anzufechten und auszuhöhlen. Die Bezeichnung „Afrodeutscher“ (später Schwarze Deutsche) als politische Selbstbezeichnung steht am Anfang der organisierten Schwarzen Bewegung in Deutschland. Der Akt der Selbstbenennung gilt als kritische Intervention in dominante weiße Diskurse über Schwarzsein in Deutschland. (…)

(Quelle: Wie Rassismus aus Wörtern spricht, herausgegeben von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard, Afrodeutsch S. 577-579)

Colorism/Shadesim

Ist eine Diskriminierungspraxis, mit der Menschen nach „Hauttönen“ unterschieden und einer gesellschaftlichen Position zugewiesen werden. Hierbei wird Weißsein als Norm und Bezugspunkt herangezogen, denn weiß gelesene Menschen werden trotz unterschiedlicher Hauttöne nicht unterteilt. Colorism steht für ein rassistisches Herrschaftssystem, das im Kolonialismus begründet ist. Die damit verknüpfte Ordnung hat sich durch Sozialisation tief in Vorstellungen und Überzeugungen eingeschrieben und wurde von vielen Menschen verinnerlicht.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Critical Whiteness

Critical Whiteness [ˈkrɪtɪkəl ˈwaɪtnɪs] ist eine transdisziplinäre akademische Denkart der US-Amerikanischen Rassismusforschung, durch die Rassismus nicht mehr nur als Erfahrung der Diskriminierung, sondern ebenso als Erfahrung von Privilegien verstanden wird. Sie richtet den Blick weg von den Objekten, die unter rassifizierten Prozessen leiden und hin zu denjenigen Subjekten, die von ihnen profitieren. Dadurch werden das Weißsein und dessen strukturelle und institutionelle Auswirkungen in den Fokus genommen.

Weiß wird in diesem Zusammenhang weniger als bloße Hautfarbe definiert, sondern eher als soziales Konstrukt, das entscheidenden Einfluss auf die gelebte Realität hat. Diese Realität ist geprägt von verschiedenen Privilegien, den sogenannten „white privileges“. Diese Privilegien äußern sich vor Allem darin, dass das Weißsein nicht thematisiert wird, und so gewissermaßen als Normalität wahrgenommen wird. Abweichungen dieser weißen Norm werden rassifiziert, markiert und sichtbar gemacht. Weißsein als solches bleibt unbenannt und unsichtbar. „Critical Whiteness“ enttarnt und hinterfragt diese angenommene Normalität, die sich in ihrer extremsten Form als „White Supremacy“ äußert oder diese versucht zu legitimeren. Darüber hinaus äußern sich weiße Privilegien im Alltag durch ökonomische, politische und soziale Vorteile. Sei es beispielsweise bei der Wohnungssuche, auf dem Bildungsweg oder auch bei der Konfrontation mit der Polizei.

Ziel der „Critical Whiteness“ ist es, herauszufinden, wie diese Privilegien und das resultierende Machtverhältnis funktionieren und wie sie konstruiert werden, um sie letztendlich einer De-Konstruktion zu unterziehen. Die Analyse weißer Privilegien und dem Weißsein als Kategorie bezieht sich dabei ebenso auf historische, wie auch auf politische, soziale und kulturelle Aspekte. Es werden so beispielsweise etablierte Wahrheiten, die einer weißen Geschichtsschreibung entspringen, hinterfragt und neu geschrieben. Weißsein als Kategorie muss außerdem auch in Verbindung mit anderen Markern wie Geschlecht und Klasse gesehen werden (siehe: Intersektionalität).

Das weiße Subjekt hat in Beschäftigung mit dieser Perspektive vor Allem die Aufgabe sich seiner eigenen Position bewusst zu werden und die eigene Wirkung innerhalb des Rassismus-Diskurses nicht länger als irrelevant zu betrachten. Dabei geht es jedoch nicht um eine Schulderfahrung sondern um die Erkenntnis, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, in dem nicht nur das Schwarzsein oder das Nicht-Weißsein eine Bedeutung hat.

(Autorin: Charlotte Naab)

Empowerment

Abgeleitet aus dem angloamerikanischen Wort „power“, was „Stärke“ oder „macht“ bedeutet. „Empowerment“ steht im Deutschen für (Selbst-)Ermächtigung und (Selbst-)Stärkung. Mit Blick auf Rassismus beschreibt es Strategien, um angesichts von Diskriminierungserfahrungen mehr Selbstbewusstsein und Handlungsstrategien zu gewinnen. Ziel ist es, die eigenen Interessen eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Intersektionalität

Beschreibt die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen im Erleben einer Person, die beispielsweise zeitgleich von Rassismus, Sexismus und Klassismus betroffen sein kann. Mehrere Erfahrungen addieren sich nicht, sondern ergeben spezifische Diskriminierungserfahrungen. Eine solche Sichtweise ermöglicht das Erfassen von Wechselwirkungen und Verschränkungen verschiedener Ungleichheits- und Unterdrückungsmechanismen und –praktiken. Dieser Ansatz findet seinen Ursprung in den Erfahrungen Schwarzer Frauen und Lesben, die sich im Feminismus westlich-weißer Mittelschichtsfrauen nicht wiederfanden.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

*innen:

Der Asterisk * ist ein Mittel der sprachlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten mit der Intention, durch Strahlen auch denjenigen Menschen gerecht zu werden, welche nicht in das normbehaftete und ausschließlich Frau/Mann-Schema hineinpassen (wollen), wie beispielsweise Intersexuelle, queers oder Transgender.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Othering

„VerAnderung“ oder „FremdMachung“ (es gibt noch keine eindeutige deutsche Übersetzung). Es beschreibt die betonte Unterscheidung und abwertende sowie ausgrenzemde Distanzierung von „Anderen“ entlang als relevant erachteter sozialer Merkmale wie Religion, Geschlecht, Nationalität, Klasse oder Körpermerkmale, die mit sozialer Bedeutung aufgeladen werden, z.B. Hautfarbe. Dieser Mechanismus dient der Abwertung des „Fremden“, um die „Normalität“ (das Eigene) zu bestätigen.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Passing

In Versklavungs- und kolonial-rassistischen Kontexten ist es relevant, ob Kinder Schwarzer Eltern durch ihre hellere Hautfarbe, ihre Haarstruktur und Gesichtszüge als weiß „passen“, also als weiß angesehen werden. In diesem Fall wir die – eigentlich zugeschriebene und mit sozialer Abwertung belegte – Identität nicht erkannt, weshalb die Person der  sozialen Abwertung und den begleitenden Zwängen und Normierungen entgeht. Als weiß angesehen zu werden geht mit gewissen Privilegien einher, allerdings um den Preis, sich und Familienangehörige zu verleugnen und eventuell „entlarvt“ zu werden.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Person of Color (PoC)

Menschen, die nicht als weiß angesehen werden, verfügen über einen gemeinsamen Erfahrungshorizont in einer Gesellschaft, in der weiß als vorherrschende Norm gilt. Anders als „coloured“ (auf Deutsch gerne mit „farbig“ übersetzt), was als eine kolonialrassistische Bezeichnung für Schwarze Menschen und sogenannte „Andere“ (siehe: Othering) genutzt wurde, verstehen sich „People of Color“ in erster Linie als „People“, also „Menschen“. Der Ausdruck wird in Deutschland derzeit vorrangig im aktivistischen und akademischen Umfeld benutzt und ist in vielen englischsprachigen Ländern eine gängige Selbstbezeichnung.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Person of Color ist ein Begriff, den wir nutzen, um Menschen zu beschreiben, die in Deutschland von rassistischer Diskriminierung betroffen sind. People of Color beschreibt alle Menschen, die in der Gesellschaft als nicht weiß gelten. Dabei geht es nicht darum wie hell oder dunkel die Farbe der Haut ist, sondern darum ob man von der Mehrheit als „anders“ markiert wird. Eine Person mit türkischem oder iranischem Hintergrund kann z.B. eine genauso helle Hautfarbe haben, wie jemand mit ausschließlich weißem, deutschem Hintergrund. Sie kann trotzdem aufgrund ihrer Haarfarbe, ihrer Sprache, ihres Glaubens, oder irgendwelcher anderer Faktoren von der weißen Mehrheitsgesellschaft als „anders“, also nicht weiß markiert werden. Als nicht-weiß markierte Person ist sie häufig Diskriminierung ausgesetzt.

Genauso kann eine Schwarze Deutsche Person, die z.B. einen kenianischen Hintergrund hat, der für sie jedoch keine große Rolle spielt, als „anders“ markiert werden. Obwohl sie in Deutschland aufgewachsen ist, die deutsche Nationalität inne hat und keinerlei sprachliche Unterschiede zu weißen Deutschen zu erkennen sind. Aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe wird sie als nicht-weiß markiert und häufig wird sie rassistisch diskriminiert.

Bei dem Begriff Person of Color geht es also nicht um die Hautfarbe oder den Hintergrund, sondern um die Erfahrung des Rassismus im Deutschland von heute, die uns verbindet.

Wenn du den Eindruck hattest, dass dein „Migrationshintergrund“ zu deinem Weltwärts-Jahr etwas beigetragen hat, oder dass das Jahr etwas angestoßen hat, das mit deinem Hintergrund zu tun hat, dann bist du hier richtig. Ob schon bei der Bewerbung und der Auswahlprozedur, oder bei der Vorbereitung und dem Aufenthalt im Partnerland, bis zur Nachbereitung und der Reflexion der Erfahrungen wieder in Deutschland.

Postkolonialismus / postkoloniale Kritik

kurze Version

Postkoloniale Theorien gehen davon aus, dass nach der nominellen politischen Unabhängigkeit für ehemalige Kolonien noch immer koloniale Abhängigkeiten und Ausbeutungsverhältnisse bestehen und die globalen Zusammenhänge bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen auch weiterhin von (post-)kolonialen Handlungsmustern und Denkstrukturen geprägt sind.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

ausführliche Version

„Postkolonialismus“ wurde nach dem zweiten Weltkrieg als chronologischer Epochenbegriff (…) für den Prozess der formalen Dekolonalisierung eingeführt. Er umreißt die Themenkomplexe bzw. Zusammenhänge zwischen Rassismus, Nationalismus, Migration (…), kulturelle Identitäten, Feminismus, Sexualität, Repräsentationen, Images, Stereotypisierungen, sozio-kulturelle Konstruktionen, Sprache und anderen.

Obwohl keine allgemeingültige Definition postkolonialer Kritik existiert und dieser heterogene Diskurs sich jeder Vereinheitlichung widersetzt, lassen sich doch gemeinsame Ausgangspunkte herauskristallisieren:

  • Herausarbeitung von rassistischen und vergeschlechtlichen Identitätskonstruktionen als binäre Oppositionen, die in einem historischen Prozess durch wechselseitigen Konstitutionen und strukturelle Ungleichheit herausgebildet werden
  • Fokus auf Machtrelationen, Ausbeutung, Hierarchien, In- und Exklusionen, die mittels kultureller Repräsentationen undpolitischer Kontrolle stabilisiert werden
  • Kolonialisierung als gewaltsamer Prozess der Subjektkonstitution, die den domestizierten und verobjektivierten Anderen durch pädagogische und performative Plastiken erschafft
  • Strategien und Methoden der Kontrolle durch Wissensproduktion und kulturelle Missrepräsentationen, die mittels Definitionsmacht und Etablierung eurozentristischer Wahrheitsregimes durchgesetzt werden
  • Untersuchung akademischer Disziplinen und kultureller Produktionen (z.B. Literatur, Sprache, Images), die nicht zuletzt als Ausdruck und Effekt von Machtartikulationen und Fremdkonstruktionen verstanden werden
  • Ambivalenz zwischen humanistischen Idealen der Aufklärung und der kolonialen Moderne
  • Aufdeckung des „westlichen“ Überlegenheitsanspruches als koloniales Ordnungsmodell, welches eine gesellschaftliche Entwicklungspyramide impliziert und den Prozess der Kolonialisierung legitimiert

(Quelle: Wie Rassismus aus Wörtern spricht, herausgegeben von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard, Postkolonialismus/ postkoloniale Kritik S. 177-184)

Schwarz

Eine diskriminierungsfreie Selbstbezeichung. Sie markiert bestimmt gemeinsame Erfahrungshorizonte und Lebensrealitäten in einer weiß-dominierten Gesellschaft. Im politischen Verständnis wird Schwarz großgeschrieben, um zu verdeutliche, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und nicht um eine reelle „Eigenschaft“, die auf den Hautton zurückzuführen ist.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)

Weiß

Ist wie Schwarz ein sozial-politisch relevantes Konstrukt. Weißsein wird auch als „soziale Währung“ bezeichnet, da weißen Menschen durch die (auch unbeabsichtigte) Diskriminierung von Schwarzen und People of Color Vorteile entstehen. Im kritisch politischen Kontext wird deshalb weiß benannt, allerdings ohne Großschreibung, da es sich im Gegensatz zu Schwarz nicht um eine erkämpfte Selbstbezeichnung handelt. Oft wird weiß auch kursiv geschrieben.

(Quelle: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland
Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh (Hrsg), 2015, Orlanda Verlag)