Veröffentlichung zur Deutsch Afrikanischen Jugendinitiative des BMZ

Stellungnahme von Weltwärts in Color zur Förderlinie im Rahmen der Deutsch Afrikanischen Jugendinitiative

 

Zu Beginn des Jahres 2016 wurde Weltwärts in Color von Engagement Global zu einer Veranstaltung der Deutsch Afrikanischen Jugendinitiative (DAJ) eingeladen. Diese Initiative erarbeitet eine Förderlinie, welche „ein Förderkonzept für ein neues Programm zur Förderung eines kurzfristigen außerschulischen Jugendaustausches, zunächst mit Schwerpunktsetzung auf einige afrikanische Länder und für Gruppenaustausche“ darstellt. Es geht also darum Jugendgruppen aus Deutschland und afrikanischen Ländern eine Reise in ein afrikanisches Land bzw. nach Deutschland zu ermöglichen.

In einem ersten Konsultationstreffen sollte unter Einbindung der Zivilgesellschaft, die bereits Erfahrungen mit Jugendgruppenreisen und Austauschprogrammen gemacht hat, ein Förderkonzept erarbeitet werden.

Konkreter schreibt Engagement Global dazu: „Das […] BMZ [plant] die Förderung von Jugendaustauschen mit afrikanischen Ländern, die auf Gegenseitigkeit und Partnerschaftlichkeit basieren. Interkontinentaler Austausch schafft Verständnis, eröffnet neue Perspektiven, fördert den Aufbau von Wertschätzung und Toleranz und wirkt Vorurteilen entgegen. Zudem fördert er die Entwicklung eines globalen Bewusstseins und von Handlungskompetenzen. Eine weite Verbreitung dieser Haltung als „Global Citizen“ ist essentiell, um den aktuellen und kommenden globalen Herausforderungen und Krisen nachhaltig und partnerschaftlich zu begegnen. Jugendaustausch im entwicklungspolitischen Kontext ermöglicht intensive Begegnungen. Neben den etablierten Lern- und Austauschformaten möchte das BMZ [Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung] im Rahmen der Deutsch-Afrikanischen Jugendinitiative (DAJ) ein neues Austauschformat etablieren, welches junge Menschen in Deutschland und in afrikanischen Partnerländern anspricht, neugierig macht und zu Engagement ermutigt. Das neue Format soll neben dem regionalen Schwerpunkt Afrika im Grundsatz auch für die Kooperation mit weiteren Ländern des globalen Südens offen stehen.“

Nach diesem Konsultationstreffen nahmen weitere Mitglieder von Weltwärts in Color auch an einem Treffen zur konkreten Ausarbeitung des Förderkonzepts teil. Dabei versuchten wir vor allem, eine postkoloniale Perspektive mit einzubringen und auf die Gefahren der Reproduktion stereotyper Bilder und rassistischer Denkmuster auf deutscher Seite, sowie die strukturellen Hindernisse für afrikanische Jugendgruppen hinzuweisen.

Nach unseren ersten Sitzungen bei Engagement Global, beschlossen die Mitglieder von Weltwärts in Color jedoch, sich aus der weiteren Planung der Förderlinie zurückzuziehen. Im Folgenden wollen wir unsere Beweggründe dafür erläutern.

Die Förderleitlinie der DAJ wurde auf Anregung vom BMZ und durch den Minister Müller ins Leben gerufen. Auch wenn zu Beginn Gespräche mit Vertreter*innen der Afrikanischen Union stattfanden, wurde die Ausarbeitung der Förderlinie größtenteils  in Deutschland mit mehrheitlich weißen deutschen Verantwortlichen durchgeführt. Wir sehen in dieser Ausarbeitung keineswegs eine „Partnerschaftlichkeit und Gegenseitigkeit“, da in dem Konzeptions- und Entscheidungsprozess keine kontinuierliche Partizipation der afrikanischen Partnerorganisationen ermöglicht wurde. Von einer Deutsch-Afrikanischen Initiative kann daher kaum die Rede sein. Wir bezweifeln, dass eine Konzipierung von Deutschland aus den Bedingungen in den afrikanischen Ländern gerecht werden kann.

An der Ausarbeitungsphase waren mehrheitlich weiße Initiativen aus der deutschen Zivilgesellschaft beteiligt. Beim Konsultationstreffen im März 2016 waren  Mitglieder von Weltwärts in Color ebenfalls eingeladen. Ein bereits bestehendes außerschulisches Jugendaustauschprogramm zwischen Münster und einer Gemeinde von Nordghana hat in dem Veranstaltungsrahmen ihre Erfahrungen geteilt. Unsere Mitglieder und auch einige andere vertretene Organisationen waren schockiert über die Reproduktion von neokolonialen Machtstrukturen und die rassistische Darstellung der afrikanischen Akteure. Dass gerade ein solches Projekt von den Verantwortlichen, also dem BMZ und Engagement Global, ausgewählt wurde, sich als etabliertes Modellprojekt vorzustellen, ist für uns unverständlich und zeigt, wie wenig Reflexion und Interesse an partnerschaftlichem Arbeiten (auf deutscher Seite) besteht.

Auf unsere Frage, warum denn nicht der Kontakt mit der afrikanischen Diaspora in Deutschland gesucht würde, um eine gemeinsame deutsch-afrikanische Initiative aufzubauen, antwortete Engagement Global, es sei ihnen nicht möglich gewesen, interessierte afrikanische Organisationen zu finden.  Es gibt in Deutschland allerdings mehrere sehr aktive migrantische Selbstorganisationen oder Organisationen der afrikanischen Diaspora, die in die Planung mit einbezogen hätten werden können. Nicht wenige davon organisieren bereits Jugendaustauschprogramme (z.B. Mutoto e.V.) und könnten so ihr Expert*innenwissen einbringen. Dies wird allerdings nicht als solches gesehen. Es scheint also eher statt einem Mangel an migrantischen Organisationen ein mangelndes Interesse daran zu bestehen, afrikanische Perspektiven überhaupt miteinzubeziehen. Die deutsch-afrikanische stellt sich als deutsch-deutsche Jugendinitiative heraus. Selbst wenn afrikanische Akteure miteinbezogen würden, liegt die endgültige Entscheidungsmacht beim BMZ, das die Mittel stellt. Die geförderten Projekte und Organisationen müssen daher immer auch einen entwicklungspolitischen Bezug haben, was wir ebenfalls als kritisch empfinden.

Diese Machtstruktur, das immer wiederkehrende abhängig Machen afrikanischer Länder von deutschen Geldgebern, finden wir auch in den geplanten Richtlinien zur Durchführung der Austauschprogramme. Vereine in den afrikanischen Ländern dürfen nicht selbst einen Antrag für eine Gruppenreise stellen, sondern müssen diesen über einen deutschen Verein einreichen. Es sei nötig, dass ein deutscher Träger aus rechtlichen Gründen  die Verantwortung trägt. Als Vertragspartner*innen nicht ernst genommen, werden Vereine in afrikanischen Ländern von der Initiative komplett ausgeschlossen, wenn sie nicht in Kontakt mit einer*m deutschen Partner*in sind. Deutsche Vereine hingegen können mit oder ohne Partner*in im Land Anträge für die Jugendreisen stellen.

Ein weiteres Hindernis stellt die Bedingung des entwicklungspolitischen Kontexts dar, nach der nur Vereine, die die Kriterien entwicklungspolitischer Arbeit erfüllen, Anträge beim BMZ stellen können. Da einige Vereine in Afrika, die in ihren Ländern regional arbeiten, sich eher als soziale Organisation oder kollektive Initiative rund um in der Gesellschaft relevante Themen verstehen, fallen sie nicht unbedingt in diese Kategorie, auch wenn sie als „entwicklungspolitisch relevant“ geltende Arbeit, beispielsweise zu HIV/AIDS-Aufklärung, Gender Mainstreaming oder Kinderarmut, einschließen. Das ist nicht verwunderlich, da der Term „Entwicklungspolitische Arbeit“ ein aus dem globalen Norden stammendes Konzept ist, das fast ausschließlich den helfenden globalen Norden und den zu entwickelnden globalen Süden porträtiert.

Wir fragen uns, warum deutsche Initiativen mit Afrikabezug scheinbar nur im Entwicklungskontext gesehen werden können, wo doch gerade eine Jugendinitiative mit dem Fokus auf gemeinsamem, außerschulischem Austausch eine Chance bietet, aus dem Machtgefälle der „Opfer-Helfer“-Abhängigkeit herauszukommen und sich tatsächlich auf Augenhöhe zu begegnen. Jugendliche mit verschiedenen Lebensrealitäten begegnen sich, tauschen sich aus. Bei gut konzipierter pädagogischer Begleitung kann durch solche Begegnungen zur Reflexion angeregt werden. Jugendliche beider Seiten erweitern ihren Horizont, vernetzen sich und sind für globale Zusammenhänge sensibilisiert.

Zu der pädagogischen Begleitung in Bezug auf Reisen aus Deutschland gibt es von unserer Seite ebenfalls einige Kritikpunkte. Die Reisen sollten nach dem letzten Stand ca. drei Wochen dauern und die Vor- und Nachbereitung sollte den Vereinen überlassen werden. An dieser Stelle wollen wir zunächst darauf hinweisen, dass drei Wochen eine sehr kurze Zeitspanne sind, um wirklich das Leben im Gastland wahrnehmen zu können. Wir befürchten, dass in den drei Wochen die touristischen Programmpunkte, wie Safari, Besuch in einem Slum oder Waisenkinderzentrum  abgearbeitet werden. Dadurch wird auf deutscher Seite das Bild von Afrika als „arm, exotisch, aufregend und wild“ weiter verstärkt. Die Jugendlichen haben kaum Zeit sich wirklich kennenzulernen und ihre Stereotype zu überwinden. Verstärkend hinzukommt, dass eine zehnstündige Flugreise nicht umweltschonend ist und der Aufenthalt dann wenigstens so lange wie möglich sein sollte.

Was uns zusätzlich Sorgen macht, ist die Tatsache, dass das Projekt nach den drei Wochen abgeschlossen ist und es nicht zwangsläufig eine intensive Vor- und Nachbereitung geben wird. Diese ist unserer Meinung nach wichtig, um sich mit Themen wie Rassismus, Macht und Kolonialismus auseinander zu setzen. Themen, die immer mitschwingen, wenn vermutlich mehrheitlich weiße Gruppen aus dem globalen Norden in den globalen Süden reisen. Außerdem halten wir eine längere Projektphase für nachhaltiger, weil so die Partnerschaft bestärkt und auch die Reflexion über den Aufenthalt intensiviert werden kann. Die Reise sollte eher ein Abschluss eines mehrmonatlichen Brieffreundschaftsprojekts sein. Auch sollte der Austausch nicht nach der Reise beendet, sondern weiter begleitet werden, sodass eine langfristige Zusammengehörigkeit entsteht.

In den Kritikpunkten haben wir hauptsächlich die deutsche Perspektive des Programms beleuchtet. Dies liegt daran, dass auch wir in Deutschland leben und aufgewachsen sind und deshalb nicht sagen können, welche Punkte die afrikanischen Vereine wohl noch ergänzen würden. Wir empfehlen daher dringend, auch in den afrikanischen Partnerländern eine mehrmonatige Konsultationsphase mit der Zivilgesellschaft durchzuführen.

Was wir jedoch definitiv zur afrikanischen Seite anmerken können, ist der Aspekt der Visaproblematik. Auch hier werden zunächst wieder Machtgefälle sichtbar, die sich durch die ganze DAJ ziehen. Da die DAJ sich an Jugendliche, also auch Minderjährige richtet, müssen die Möglichkeiten und der Rahmen bestehen, ein Visum einfach zu erhalten. Zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir die Reisen nach Deutschland in erster Linie dadurch gefährdet, dass es einer Gruppe von 20 15jährigen ohne Abschluss aus einem afrikanischen Land nicht gelingen wird, Besuchervisa für Deutschland zu erhalten.

Aus unserer Sicht ist die Förderlinie der DAJ auf einem Machtungleichgewicht aufgebaut, in dem sich das abhängig Machen afrikanischer Länder vom BMZ widerspiegelt. Wir als Weltwärts in Color wollen ein solches Konzept, das von Beginn an nicht partnerschaftlich aufgebaut wurde, nicht mittragen. Wir sehen die Gefahr, dass durch ebensolche Initiativen, wie gut sie auch gemeint gewesen sein mögen, die Ungleichheit zwischen globalem Süden und globalem Norden weiter verstärkt wird. Dafür möchten wir nicht mit-verantwortlich sein.

Dieser Briefwechsel wird von uns öffentlich geführt. Unser Schreiben sowie Ihre Antwort werden wir zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

Dieser Link führt zur Antwort von Engagement Global in Form eines pdfs.

Unsere Meinung dazu:

Sehr geehrter Herr Visarius,

Im Namen von weltwärts in Color möchte ich Ihnen zunächst für Ihre Antwort danken. Wir freuen uns, dass Sie sich mit unserer Kritik auseinandergesetzt und Stellung dazu bezogen haben. Wir haben innerhalb der Gruppe Ihre Antwort diskutiert und entschieden, dass wir keine Kapazitäten haben, weiter an der DAJ oder der Förderlinie mitzuarbeiten. Wir haben zur Kenntnis genommen, dass sich seit dem letzten Treffen mit uns einige Dinge an dem Programm geändert haben, wie Sie es in Ihrer Antwort beschreiben. Das begrüßen wir sehr. Leider konnten wir aus Ihrem Schreiben jedoch nicht erkennen, dass konkrete Lösungsansätze für alle von uns angesprochenen Kritikpunkte gesucht oder gefunden wurden. Insbesondere der Punkt der Visavergabe und damit auch der konkreten Umsetzung des Austauschprojekts bleiben völlig ungeklärt.

Wir erkennen an, dass Sie Missverständnisse oder Falschinterpretationen von unserer Seite durch Ihr Schreiben richtig stellen. Trotzdem empfinden wir es als nicht nachvollziehbar, warum diese Richtigstellungen nicht im Zuge der Planungstreffen, während derer sich unser Verständnis des Programms geformt hat, erfolgt sind. Ihre Erklärungen widersprechen sich leider auch teilweise mit dem, was wir von anderer Stelle der DAJ  mitgeteilt bekommen haben. Hier beziehen wir uns auf die Einbeziehung von afrikanischen Diaspora-Organisationen während der  Ausarbeitungsphase in Deutschland.

Wir bedauern, dass nicht auf alle von uns kritisierten Punkte eingegangen wurde. Es wird nicht ganz klar, ob Sie in diesen Punkten mit uns übereinstimmen und deswegen auf eine Richtigstellung verzichtet haben oder aber diese Punkte aus anderen Gründen nicht beachtet wurden.

Wir hoffen sehr, dass die Arbeit der DAJ auch Lösungen für die anderen von uns genannten Probleme findet. Da sich Weltwärts in Color jedoch vor allem als eine Gruppe zur Unterstützung von anderen Freiwilligen of Color versteht, würden wir empfehlen zur weiteren rassismuskritischen Bearbeitung des Programms externe Expert*innen hinzuziehen und nicht die vermeintliche Expertise von Betroffen pro bono als kritischen Aspekt des Programms zu nutzen. Wir sind uns bewusst, dass dies sicherlich auch aus der Idee heraus entstanden ist, uns eine Plattform für weitere Einflussnahme auf Freiwilligen- und Austauschprogramme zu geben.

Allerdings sehen wir uns nicht in der Verantwortung, einer Initiative – die für ein partnerschaftliches und auf Augenhöhe stattfindendes Förder- und Austauschprogramms wirbt – dahin gehend zu beraten, wie sie aus ihrer privilegierten Position heraus Schwierigkeiten und problematische Herangehensweisen zu erkennen bzw. auch zu bekämpfen hat. Diese Verantwortung liegt bei Ihnen. Als eine mehrheitlich Weiße Organisation, die sich im Feld der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit bewegt, sehen wir es als grundsätzlich notwendig an, sich mit dem antirassistischen Diskurs in Deutschland zu beschäftigen. Das Hinzuziehen von Expert*innenwissen sehen wir hier als sinnvoll an. Wir, als Weltwärts in Color, sehen uns nicht in der Position, diese Rolle zu übernehmen.

Wir wünschen uns, dass Sie eine andere Organisation oder Expert*innen-Gruppe finden, die die DAJ und die Förderlinie in diesem Prozess begleiten wird.

Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg in der Umsetzung und Implementierung des Projekts.

In diesem Sinne die besten Grüße,

Das Weltwärts in Color Team